Die verborgenen Seiten des Schulbaues

der Freien Waldorfschule Überlingen-Rengoldshausen

Von welcher Seite man sich der Freien Waldorfschule Überlingen-Rengoldshausen auch nähert, jedes Mal begegnet man einer anderen Silhouette mit geschwungenen Linien, klaren Kanten und plastischen Formen. Ein eigenwilliger Bau, dessen starke Gliederung in verschiedene Baukörper, die von einem gemeinsamen geschwungenen Dach überspannt werden, die gewaltige Masse von 55 000 cbm umbauten Raum für eine Schule mit über 900 Schülern in menschlichen Dimensionen und Proportionen erscheinen lassen.

Betrachtet man die städtebauliche Situation des knapp 3 ha großen dreieckigen Grundstückes, das an zwei Seiten von viel befahrenen Straßen begrenzt wird und auf der dritten von einem Wald, so würde man vom Lageplan her erst einmal eine ganz andere Anordnung von Baukörpern wählen. So wie dieser Bau jetzt auf dem Grundstück steht, scheint er die Grenzen des Grundstücks zu ignorieren und greift weit darüber hinaus in die Landschaft. Betrachtet man nun die Landschaft ringsum, diese sanft schwingenden Hügel, die von den Wassern der Eiszeit geformt wurden, und lenkt den Blick zurück auf die geschwungenen Dächer, so entdeckt man eine Korrespondenz, aber keine Nachahmung, sondern eine Metamorphose in der künstlerischen Durchgestaltung dieses Grundthemas der lebendig schwingenden Linien der Landschaft.

Bleiben wir bei der plastischen Gestaltung der Baukörper, wie sie sich von außen darstellen, so fällt dem Betrachter auf, dass dieser Bau mit sehr verschiedenen Gesten und plastischen Ausformungen in die verschiedenen Himmelsrichtungen hineingreift. Nach Osten erstreckt sich ein langgezogener Baukörper wie ein großer Arm der sowohl in den Wänden als auch im Dach verschiedene sich öffnende Gesten in dieses östliche Himmelsfeld hinein zeigt. Auch die Auffächerung am östlichen Ende mit den vorgelagerten Klassen und dem darüber liegenden Musiksaal mit seiner wie durchlässig wirkenden Fachwerkfassade verstärken diese sich öffnende und aufnehmende Gebärde.

Ganz anders ist die Geste nach Westen. Ein hoher Gebäudeteil öffnet sich als Querriegel in leichtem Bogen nach Westen, wie wenn sich von Westen etwas hereindrücken würde in den Bau, wodurch sich die ganze Bauform im Westen staut, verdichtet und auftürmt. Diese beiden großen Flügel des Baues, der langgestreckte Ostbau und der gestaute Westbau setzen beide am verbindenden Mittelteil an, der das große Foyer überdacht, und umschließen nach Norden einen weit sich öffnenden Raum. In der Mitte zwischen diesen beiden großen Armen wölbt sich der Bau im Norden in ganz feiner Weise nach außen und nach oben, wodurch sich der Konferenz- und Eurythmiesaal nach außen abbildet. Wiederum ganz anders ist die Geste des Baus nach Süden. Bleibt der nördliche Raum völlig offen, so ist der südliche Raum besetzt durch den großvolumigen Saal mit seinen verschiedenen Nebengebäuden, dem Küchenhaus, der Mensa, dem Bühnenhaus, dem „Handarbeitshaus“ und der Verwaltung. Wie ein großer Berg mit Vorbergen breitet sich der Bau nach Süden aus, in sich ruhend mit Dynamik in der Vertikalen.

Nun könnte man meinen, diese Formen seien vor allem aus plastischen Überlegungen oder aus dem Wunsch nach Abwechslung heraus so entstanden. Es verbirgt sich dahinter aber ein gründliches Studium von nicht auf den ersten Blick sichtbaren Qualitäten der verschiedenen Himmelsrichtungen. Wir haben diese in unserer Erforschung nicht Himmelsrichtungen, sondern „Himmelsfelder“ genannt, um die Verschiedenheit der Beobachtungen bezüglich der Qualitäten und der Unterschiede in den Kräftewirkungen durch den Begriff besser zu erfassen. Durch vielfältige, längerfristige Beobachtungen und durch die Schulung der Wahrnehmungsfähigkeit bezüglich der sich nicht ohne weiteres der äußeren Beobachtung erschließenden Arten von Kräftewirkungen haben wir gelernt, die Unterschiede in den Himmelsfeldern wahrzunehmen und beschreiben zu können. Daraus entstanden verschiedene Beobachtungsprotokolle und Beobachtungsreihen, die wir mit Hilfe „unbefangener“ KollegInnen in einzelnen Punkten durch gemeinsame Wahrnehmungsübungen überprüften.

Aus der Beobachtung dieser Kräftewirkungen entstand die raumschaffende, freilassende Gebärde nach Norden, die wie tastend sich ausstreckende und dabei aufnehmende Gebärde nach Osten, die wie im Zurückgestautsein sich öffnende Gebärde nach Westen und die raumgreifend ausladende und Innenraum schaffende Gebärde nach Süden.

Diese Erforschung der Himmelsfelder wurde vor allem von Uwe Kiecksee (der mich auch bei dieser Darstellung unterstützt hat) und mir durchgeführt unter Hinzuziehung verschiedener anderer Kolleginnen und Kollegen, die sich an dieser Forschungsarbeit an einzelnen Fragestellungen und konkreten Anlässen wie z.B. bestimmten Baukonzeptionen beteiligen wollten. Diese Forschung kann hier nur angedeutet werden und die Anregung gegeben werden, sich einmal selbst in der Beobachtung der verschiedenen Himmelsfelder und der darin wirkenden Kräfte, Gestaltungen, Vorgänge etc. zu üben. Diese Kräfte sind mit unseren üblichen Begriffen nicht eindeutig zu fassen, so dass wir sie charakterisierend beschrieben haben. Heute würde man sie vielleicht unter den Begriff „feinstoffliche“ Kräfte einordnen. Ebenso kann hier nicht näher darauf eingegangen werden, wie versucht wurde, die Ergebnisse der Erforschung der Kräftewirkungen in den Himmelsfeldern in die plastische Gestaltung und Ausformung des Modells für den Bau umzusetzen. Es war möglich, auf Grund dieser Forschungen und der damit verbundenen Erlebnisse und Erfahrungen im Prozess des Modellierens des Modells durch den Künstler Wilfried Ogilvie begleitend zu beobachten, ob die jeweilige räumliche Ausprägung der Form mit den beobachteten Kräftewirksamkeiten korrespondierte.

Nach dem gleichen Prinzip wurde bei der Gestaltung der Außenanlagen rings um die Schule herum vorgegangen, wobei diese durch die äußeren Gegebenheiten stark eingeschränkt sind, nämlich durch die beiden Straßen, gegen die hin ein gewisser Lärmschutz und Sichtschutz erreicht werden sollte, und durch den Waldrand, der als solcher nicht angetastet werden sollte. Bei der Binnengestaltung der einzelnen Bereiche der Außenanlagen wurde vor allem auf kindgerechte Maßstäbe geachtet sowie auf differenzierte Gestaltungen und Angebote für die verschiedenen Altersstufen.

Die gesamte Anordnung der Räume innerhalb des Schulbaues orientiert sich ebenfalls an diesen Kräftewirkungen in den verschiedenen Himmelsfeldern. Zentrum ist das Foyer in der Mitte der Schule indem sich alle horizontalen Wege kreuzen und eine zentrale vertikale Verbindung gegeben ist. Wie in einem Strudel oder Wirbel treffen sich hier alle Bewegungsströme des ganzen Baus, fließen zusammen und wieder auseinander. Nach Süden hin findet man den Bauch der Schule, den „Regenerationsbereich“ mit Mensa und Küche, aber auch den großen Saal und die Bühne als Arbeitsräume für Theater und Schauspiel, Bühnenbild, Kostüme u.a. Folgerichtig gliedert sich ein „Handarbeitshaus“ mit Schneiderei an die Bühne an sowie am östlichen Rand des Saales die Verwaltung. In die Gegenrichtung nach Norden ist gar nichts vorgelagert, sondern dort nimmt innerhalb des Baus der große Konferenzraum, der auch für Eurythmie und die Sonntagshandlungen genutzt wird, die zentrale Stellung ein. Darunter befindet sich das Lehrerzimmer. In gewisser Weise haben wir es hier mit dem Bewusstseinspol des Baus zu tun.

Nach Osten erstreckt sich im Erdgeschoß der A-Zug, also 8 Klassen der Unter- und Mittelstufe mit Handarbeitsraum, Sprachraum, Heileurythmieraum sowie der Arztbereich mit Arztzimmer und erster Hilfe. Der eigentliche Charakter dieses Flügels wird erst im Obergeschoß deutlich, wo die Öffnung nach Osten innerlich aufgenommen wird durch die verschiedenen Künste. Ganz im Osten beginnt es mit dem großen Musiksaal, dann folgt anschließend der kleine Musiksaal, auf der anderen Seite erst ein kleinerer und dann der große Eurythmiesaal (wovon sich der kleine Eurythmiesaal bald als zu klein erwies und umgenutzt wurde in den Raum für Kunstbetrachtung). Mit Musik und Eurythmie werden hier Künste ausgeübt, die aus der inneren Wahrnehmung leben und eine Schulung der inneren Wahrnehmung erfordern, um etwas in die äußere Hörbarkeit bzw. Sichtbarkeit zu bringen. Im Reigen dieser Künste befand sich auch noch das Malen, das früher im Dachgeschoß darüber zu Hause war, bis es aus Zweckmäßigkeitsgründen in die Holzbauten in die Nachbarschaft zum Plastizieren umgesiedelt wurde.

Dem gegenüber finden wir im Westen einen Klassentrakt, der in zwei Geschoßen angeordnet ist, wiederum mit 8 Klassen, Heileurythmieraum und Gruppenräumen und einem im Obergeschoß nach Osten hin vorgelagerten Musikraum. Darüber sind breit aufgefächert, nach Westen orientiert die naturwissenschaftlichen Räume für Biologie, Physik und Chemie. Der Charakter dieser Tätigkeiten ist mehr auf äußere Beobachtung hin ausgerichtet, was unseren Erfahrungen nach sich gut mit den Kräften des westlichen Himmelsfeldes verbindet. So dass wir zwei Grundgesten haben: im Osten von der inneren Wahrnehmung nach außen zu arbeiten und im Westen von der äußeren Wahrnehmung zur inneren Verarbeitung.

Aus unseren vielfältigen Beobachtungen ergab sich, dass man durch die Wahrnehmung und Berücksichtigung der in den verschiedenen Himmelsfeldern wirkenden Kräfte so etwas wie eine Unterstützung der jeweiligen spezifischen Tätigkeiten erfahren könnte. Diese Beobachtungen lassen sich natürlich nicht äußerlich messen, sind jedoch durch systematische Beobachtung über längere Zeit durch verschiedene Menschen in gleicher oder sehr ähnlicher Weise wahrgenommen worden. Im Schulalltag spielt dies heute alles keine bewusste Rolle mehr. Außer den damals an diesen Beobachtungen und Forschungen Beteiligten, weiß heute niemand mehr etwas davon. Deshalb werden diese Erfahrungen hier schriftlich festgehalten, trotz aller Skepsis, die ihnen vielleicht entgegengebracht werden, um künftigen Generationen zu ermöglichen, durch eigene Beobachtungen sich diese Kräftewirkungen wieder neu zu erschließen. Vor allem ist mir ein Anliegen, dass bei Veränderungen im und am Bau wie auch bei Umnutzungen auch künftig versucht wird, diese der Grundkonzeption dieses Bauwerks zugrundeliegenden Ordnungen und Kräftewirkungen zu beachten und aufzugreifen.


Foto: Freie Waldorfschule Überlingen

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