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Selbstverwaltung? Selbstorganisation! Teil 4

Teil 4 von 8

Bild von Steve Bidmead auf Pixabay

zu Selbstverwaltung? Selbstorganisation! Teil 3

Der besseren Lesbarkeit halber wird an bestimmten Stellen das generische Maskulin verwendet, es sind damit jedoch immer alle Geschlechter gleichermaßen gemeint.

Es ist faszinierend! Seit etwa der letzten Jahrtausendwende gibt es deutlich verstärkt eine neue weltweite Bewegung zur Selbstorganisation in Firmen, verschiedenen Organisationen, Schulen etc. Das hat sich schon länger angekündigt. Auch die Freien Waldorfschulen haben schon seit 1919 Formen der kollegialen Führung versucht. Was haben diese Ansätze miteinander zu tun?

Waldorfschule und Dreigliederung

Die Waldorfschule ist von Anfang an als ein kollegial geführtes Unternehmen aufgebaut worden. Dies wurde damals 1919 mit dem Begriff der Selbstverwaltung bezeichnet, um es von den staatlich verwalteten Schulen abzugrenzen. Die Waldorfschule sollte ein selbstorganisiertes Unternehmen ohne Fremdbestimmung von außen sein. Weiterhin sollte sie den Grundprinzipien der sozialen Dreigliederung folgen, was noch einmal eine Erweiterung der Werte und Prinzipien gegenüber den oben beschriebenen Modellen der kollegial geführten Unternehmen bedeutet. Deshalb möchte ich zuerst darauf näher eingehen, weil es für mich grundlegende Bedeutung für das Verständnis der Freien Waldorfschule als sozialer Organismus hat.

Rudolf Steiner ordnet den 3 gesellschaftlichen Bereichen: Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben drei verschiedene Wirkungsprinzipien zu und stellt damit die Ideale der Französischen Revolution jeweils in einen sinnvollen gesellschaftlichen Zusammenhang: Freiheit für das Geistesleben, Gleichheit für das Rechtsleben und Brüderlichkeit für das Wirtschaftsleben. Die drei Bereiche hängen in bestimmter Weise zusammen und bedingen sich gegenseitig, wie das folgende Schaubild verdeutlicht:

Um das zu verstehen muss man beachten, dass Steiner die drei gesellschaftlichen Bereiche in einer ganz bestimmten Weise nach ihren Beiträgen zur Gesellschaft definiert, die sich von dem gängigen Verständnis dieser Begriffe unterscheiden. Diese Differenzierung wird jedoch meiner Erfahrung nach in den Freien Waldorfschulen oftmals nicht genügend beachtet:

Das Geistesleben umfasst nach Rudolf Steiner als Aufgaben Bildung, Kultur, Forschung, Wissenschaft, Kunst, Religion,
das Rechtsleben alle Vereinbarungen, Verträge, Gesetze
das Wirtschaftsleben die Befriedigung von menschlichen Bedürfnissen durch das assoziative Zusammenwirken von Produktion, Dienstleistungen, Handel und Konsum.

Das ergibt für die gesamtgesellschaftliche Betrachtung folgendes Bild:

Aspekte für die Urteilsbildung

In Bezug auf das menschliche Zusammenleben, die Zusammenarbeit und die Urteilsbildung ergeben sich durch die Dreigliederung folgende Aspekte, die Rudolf Steiner in den Vorträgen für die Waldorflehrer in Oxford am 26., 28. und 29. August 1922 schildert (Der Mensch in der sozialen Ordnung, Sonderdruck aus GA 305: Die geistig-seelischen Grundkräfte der Erziehungskunst, Spirituelle Werte in Erziehung und sozialem Leben).

Im Geistesleben geht es immer um das Individuelle: die individuelle Erkenntnis, die individuellen Fähigkeiten, die individuellen Kunstwerke, individuelle Forschungsergebnisse, die in Freiheit erworben werden sollen.

Im Rechtsleben, das auf dem Prinzip der Gleichheit aufbaut, geht es immer um die Vereinbarung unter Gleichen – ohne Unter- und Überordnung! Hier geht es nicht um richtig oder falsch, sondern darum, was für die beteiligten Menschen einer sozialen Gruppe aus ihrem Rechtsgefühl heraus angemessen und passend erscheint. Im politischen Feld sind hier die demokratischen Verfahren angemessen, die jedoch im Geistesleben und auch im Wirtschaftsleben nicht passend sind.

Im Wirtschaftsleben geht es um die Befriedigung von menschlichen Bedürfnissen. Insofern ist das Prinzip der Brüderlichkeit sowohl in der Versorgung des Bedürftigen als auch in der Zusammenarbeit der „Produzierenden“ als auch in der assoziativen Zusammenarbeit von Produzenten, Händlern und Konsumenten anzuwenden.

Was bedeutet das für die Urteilsbildung in diesen drei Bereichen?

Nach Steiner zählt im Geistesleben immer das individuelle Urteil, das auf individueller Erkenntnis beruht. Insofern ist hier immer eine individuelle Urteilbildung gegeben, die aus den individuellen Erkenntnissen, Erfahrungen, Wissen/Kenntnissen, Fähigkeiten und Einsichten hervorgeht.

Im Rechtsbereich ist nach Steiner jeder Mensch aus seinem Menschsein heraus urteilsfähig. Das bedingt auch die Gleichheit im Rechtsleben. Es geht also darum, in den zwischenmenschlichen Vereinbarungen den gesunden Menschenverstand zum Tragen kommen zu lassen.

Im Wirtschaftsleben, wo es um die Befriedigung von Bedürfnissen geht, ist nach Steiner das Einzelurteil immer falsch, denn es muss von allen Beteiligten: Produzenten, Händlern und Konsumenten aus allen beteiligten Aspekten und Interessen heraus ein assoziatives Urteil gebildet werden. Hierfür sind Sach- und Fachkenntnis nötig, um zu einer angemessenen Urteilbildung kommen zu können.

Berücksichtigt man neben den Grundfunktionsprinzipien Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auch noch diese speziellen Bedingungen für die Urteilsbildung, so werden die entsprechenden Prozesse in einem sozialen Organismus differenziert gestaltet werden.

Aus meiner Sicht haben die neuen Unternehmen, die nach dem Prinzip der selbstorganisierten Einheiten arbeiten, diese Aspekte zum Teil in vorbildlicher Weise berücksichtigt. Das Individuum steht im Mittelpunkt sowohl als Abnehmer der Leistung als auch als Leistungserbringer. Die gemeinsamen geistigen Werte und Ziele sind das Verbindende. Die Vereinbarungen erfolgen unter Gleichberechtigten auf Augenhöhe. Die bestmögliche Leistung wird von Klienten und Leistungserbringern (assoziativ) gemeinsam entwickelt.

Ein Paradebeispiel dafür ist Buurtzorg von Jos de Blok (https://www.buurtzorg.com/ ), ein Unternehmen der häuslichen Krankenpflege in Holland mit inzwischen über 10.000 Mitarbeiter*innen, das strikt nach den Prinzipien der Selbstorganisation und ohne jedes übergeordnete Management arbeitet. Das gemeinsame übergeordnete Ziel ist, dass es den Menschen, die der Pflege bedürfen, möglichst gut geht, dass ihre Menschenwürde geachtet wird und dass sie möglichst lange selbstbestimmt leben können. Dieses Prinzip hat das Pflegesystem in Holland revolutioniert und auf eine völlig neue Basis gestellt. Alle Beteiligten, Patient*innen und Pfleger*innen sind viel zufriedener, haben wieder menschliche Kontakte und bauen tragfähige Beziehungen auf. Jedes Team arbeitet autonom! Es gibt keine Verwaltung, kein Management! Alle Vereinbarungen werden unter Gleichberechtigten geschlossen. Alle Leistungen werden gemeinsam im Team in Abstimmung mit den Leistungsempfängern erbracht und alle Spielregeln werden gemeinsam festgelegt. AlIe inzwischen über 1.000 Teams vernetzen sich über eine Intranet-Plattform.

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