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hochsensieble Kinder

Wenn Kinder Gedanken lesen können

Michael Harslem zu hochsensiblen Kindern

Interview erschienen im Sonderheft der Erziehungskunst „hochbegabt und hochsensibel“ (https://www.erziehungskunst.de/fileadmin/downloads/ausgaben/ez-2020/2020-05-06-Sonderteil-Hochbegabt.pdf )

Erziehungskunst: Das Lernforschungsprojekt Hofschule Gaisberg in Salzburg, in dem hochsensible Kinder betreut wurden und das von Ihnen während seines sechsjährigen Bestehens geleitet wurde, ist von Dirk Randoll und Jürgen Peters von der Alanus Hochschule evaluiert worden. Was ist dabei herausgekommen?

Michael Harslem: Ein wichtiges Ergebnis war, dass die meisten dieser Kinder, die Rechtschreibschwächen oder Dyskalkulie oder Verhaltensauffälligkeiten aufwiesen, einerseits vorrangig mit der rechten Hirnhälfte wahrnahmen und dachten, andererseits aber Fähigkeiten aufwiesen, die andere Kinder so nicht in demselben Maße zeigen, wie zum Beispiel, dass sie die Gefühle und die Gedanken anderer Menschen wahrnehmen und aussprechen konnten, was für sie völlig normal war. So bin ich auf die Hochsensibilität gestoßen.

EK: Der Begriff hochsensibel wird nahezu inflationär benutzt: Bilderdenker, Indigokinder, Regenbogenkinder, Kristallkinder … die Merkmalsbeschreibungen sind derart breit gefächert, dass im Prinzip jedes Kind heute hochsensibel sein könnte. Was sind eindeutige Anzeichen für Hochsensibilität?

MH: Ergebnis des Forschungsprojekts ist, dass heute tatsächlich viele Kinder hochsensibel in ganz verschiedenen Ausprägungen sind, was die vielen Bezeichnungen verständlich macht. Es gibt dafür im Wesentlichen vier Ursachenfelder, die als auffällig empfundene Verhaltensweisen bewirken können: im Kinde liegende geistig-seelische Ursachen, körperliche Ursachen, soziale und von außen wirkende Ursachen.

EK: Hochsensible Kinder werden oft als aggressive, renitente, tyrannische und schwer führbare Kinder beschrieben. Wie unterscheidet man Hochsensibilität von Bockigkeit oder Überempfindlichkeit?

MH: Diese Verhaltensweisen sind nicht unbedingt an die Hochsensibilität gebunden, sondern können auch bei normalsensiblen Kindern durch das soziale Umfeld oder körperlich bedingt sein. Meiner Erfahrung nach ist eine gründliche Anamnese durch einen mit Hochsensibilität erfahrenen Therapeuten oder Pädagogen unabdingbar, bei der sich dann doch ein relativ klares Bild ergibt, ob Hochsensibilität vorliegt oder nicht.

EK: Was sind die Gründe für Hochsensibilität?

MH: Einerseits ist sie meistens als Disposition vererbt, sodass schon Eltern oder auch Großeltern hochsensibel sind. Andererseits kann sie auch erworben sein, zum Beispiel durch eine frühkindliche oder auch spätere Traumatisierung, die alle Sinne des Kindes überwach werden lässt, weil es sich vor weiteren Traumatisierungen schützen will.

EK: Handelt es sich tatsächlich um eine neue Art von Kindern oder gab es Hochsensibilität schon immer und wird nun von hyperaufmerksamen Eltern auf die Kinder projiziert?

MH: Die Forschungen der amerikanischen Psychologin Elaine Aron, die 1997 veröffentlicht wurden, haben ergeben, dass damals etwa 15-20 Prozent der Menschen davon betroffen waren. Doch es ist deutlich, dass seit der Jahrtausendwende immer mehr Kinder mit diesen Merkmalen geboren werden. Natürlich erlebe ich auch, dass bestimmte, vor allem symbiotische Eltern ihre Kinder als etwas so Besonderes einschätzen, dass sie sie auf jeden Fall für hochsensibel und hochbegabt halten. Häufig stellt sich aber heraus, dass das Wunschvorstellungen der Eltern sind, die die Kinder dann nicht erfüllen können.

EK: Welche typischen Konfliktsituationen mit hochsensiblen Kindern treten in Schule oder Elternhaus auf?

MH: Charakteristisch für die hochsensiblen Kinder ist ihr unbedingtes Wahrheitsgefühl, aus dem heraus sie sich gegen jede Unwahrhaftigkeit wehren. Wenn kleine Kinder bei Erwachsenen Unwahrheiten wahrnehmen und auch als solche bezeichnen, werden sie oft für frech oder unverschämt gehalten. Ein anderes Phänomen ist, dass sie sehr autonom sind und genau wissen, was sie wollen und was ihnen gut tut. Sie wollen selbst ihre Fehler machen dürfen und nicht von den Erwachsenen daran gehindert werden. Ein weiteres Merkmal ist, dass man sie zu nichts zwingen kann! Bei jeglicher Art von Zwang verweigern sie sich entweder aktiv oder passiv. Das bedeutet, dass mit Strenge und gewaltsamer Durchsetzung bei diesen Kindern nichts auszurichten ist. Oft kommt es dann im Elternhaus oder in der Schule zu unfruchtbaren und sich ständig weiter aufschaukelnden Kämpfen, die gegen diese Kinder nicht gewonnen werden können. Was zu wenig beachtet wird, ist, dass solche Kinder oft in die Welt der Medien, vor allem in die der Computerspiele, in denen sie immer Erfolg haben, abgleiten. Mehr als andere Kinder neigen Hochsensible zu solchem Suchtverhalten.

EK: Sie meinen, dass Hochsensibilität oft als Ursache nicht erkannt wird und die Kinder mit falschen Fördermaßnahmen therapiert werden. Welche Beobachtungen liegen dieser Annahme zugrunde?

MH: Das ist ein großes Problem oft schon im Kindergarten, vor allem aber in der Schule. Die Kinder zeigen auffälliges Verhalten. Das verunsichert die damit befassten Erwachsenen. Deshalb versucht man, diese Verhaltensweisen in bestimmte Defizitkategorien einzuordnen, für die es dann spezielle Förderprogramme gibt, wie Lese-Rechtschreib-Schwäche, Aufmerksamkeitsstörungen, Hyperaktivität, emotional-sozial gestört, Autismus und so weiter. Dabei wird meistens nicht beachtet, dass diese Verhaltensweisen eigentlich als Hilferufe dieser Kinder verstanden werden sollten und meistens Übersprungreaktionen sind, die von Stress oder Panik ausgelöst werden. Hinzu kommt, dass die verschiedenen Tests, die zur Feststellung der Diagnose gemacht werden, ebenfalls Stresssituationen sind, in denen hochsensible Kinder häufig nicht mehr normal reagieren können.

EK: Ist denn eine Eins-zu-eins-Betreuung betroffener Kinder, zu der Sie raten, von Schule oder Elternhaus überhaupt leistbar?

MH: Ich fordere keine Eins-zu-eins-Betreuung dieser Kinder durch Erwachsene, sondern ein Verständnis für die besonderen Bedingungen, die sie mitbringen. Ich muss mir immer die Frage stellen: Was braucht dieses Kind? Was will es mir mit seinem Verhalten sagen? Für eine Reihe von ihnen kann eine Klassensituation so gestaltet werden, dass sie keine Reizüberflutung erleben müssen. Gerade im individualisierten, kooperativen, selbstorganisierten und selbstverantwortlichen Lernen werden Situationen geschaffen, in denen alle Kinder auch längere Zeit ruhig für sich arbeiten und dann zum Beispiel in selbst gewählten Lerntandems gemeinsam arbeiten und lernen können. Eine solche Eins-zu-eins-Beziehung hilft nicht nur den hochsensiblen, sondern auch all jenen Kindern, die Erwachsene nicht als Vorbilder oder Führungspersonen anerkennen, weil sie mit anderen Kindern andere Mechanismen entwickeln als mit den Erwachsenen – und allen anderen Kindern auch. Andererseits gibt es Kinder, für die eine größere Gruppe schon an sich eine Reizüberflutung darstellt. Diese brauchen kleinere Gruppen, um lernen zu können. Aber auch das kann man in einer Schule alters- oder klassenübergreifend schaffen. Wieder andere brauchen mehr körperliche Betätigung, um ihren Bewegungsdrang, der durch die Reizüberflutung verursacht wird, in sinnvolle Tätigkeiten umsetzen zu können.

EK: Geht Hochsensibilität immer mit einer Hochbegabung einher?

MH: Es gibt keinen zwingenden Zusammenhang, da es sowohl Hochsensibilität als auch Hochbegabungen auf sehr vielen verschiedenen Gebieten gibt, aber es kommt sehr häufig vor – jedoch nicht nur auf intellektuellem Gebiet, sondern gerade auch im Künstlerischen oder Sozialen.

EK: Was können Eltern und Lehrer, die eine Hochsensibilität vermuten, konkret tun?

MH: Als erstes finde ich wichtig, dass das Kind so angenommen und geliebt wird, wie es ist! Denn Hochsensible nehmen die Gedanken und Gefühle ihrer Eltern, Erzieher und Lehrer ungefiltert in sich auf, sodass sie in ihnen wie ihre eigenen erscheinen. Sie wissen ja nicht, dass das von außen kommt. Deshalb sind die Erwachsenen besonders herausgefordert, diese Kinder zu verstehen und – falls sie schon auffällige Verhaltensweisen entwickelt haben sollten – zu diesen nicht in Resonanz zu gehen. Weiterhin sollte eine gründliche Anamnese und Diagnose vorgenommen werden, wie wir sie in unserem Lernforschungsprojekt Freie Hofschule Gaisberg entwickelt haben. Damit lässt sich herausfinden, wie dem Kind geholfen werden kann.

Die Fragen stellte Mathias Maurer

Fragebogen auf Anfrage

Mehr zu Hochsensibilität auch hier auf meiner Website

Bild von smblake auf Pixabay

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