Abhilfe für die Lehrernot – eine neue Initiative

Die Erziehungskunst im Gespräch mit dem Entwicklungsberater Michael Harslem über den Lehrermangel an Waldorfschulen und eine geplante, neue Form der berufsbegleitenden Waldorflehrer-Ausbildung, bei der die Selbstverantwortung und Selbstorganisation der Lernenden im Vordergrund stehen wird.

Erziehungskunst: Warum entwickelt sich die Lehrersituation an den Waldorfschulen so dramatisch?

Michael Harslem: Das hat vielfältige Ursachen. Der allgemeine Lehrermangel wirkt sich auch auf die Waldorfschulen aus. In Zeiten der Lehrerschwemme waren sie eine relativ gute Alternative für fertig ausgebildete Lehrer, auch wenn man dort weniger Geld verdient und mehr arbeiten muss. Dies ist durch die Lehrernot an den staatlichen Schulen und den dort entbrannten Kampf um die Lehrer anders geworden. – Ich sehe auch einen gesellschaftlichen Wandel. Die Idealisten der 68er und Nach-68er, die aus persönlicher Überzeugung Lehrer an einer Waldorfschule werden wollten, gibt es nicht mehr so zahlreich. Die heutigen Junglehrer sind in der Regel eher Realisten, die neben einem ausreichenden Einkommen auch gute Arbeitsbedingungen suchen. Das Image der Waldorfschulen kommt diesen Bedürfnissen nicht unbedingt entgegen. Zudem sind viele neue freie Schulen entstanden, die zum Teil gute Konzepte und gute Arbeitsbedingungen bieten. Die Konkurrenz ist also auch hier deutlich größer geworden.

EK: Sie planen zusammen mit dem Bund der Freien Waldorfschulen eine neue Ausbildungsform zur Gewinnung zusätzlicher Waldorflehrer. Was ist das Neue an diesem Ansatz?

MH: Es ist eine Ergänzung der bestehenden, bewährten postgraduierten Zusatz-Ausbildungen für Waldorflehrer. Das Neue daran ist, dass diese Ausbildung sich an Lehrer und potenzielle Lehrer wendet, die nicht ein vorgegebenes Waldorf-Ausbildungsprogramm suchen, sondern ihre Ausbildung individuell selbst organisieren und gestalten wollen. Dieser Ansatz unterscheidet sich nicht inhaltlich von den bestehenden berufsbegleitenden Waldorf-Lehrerseminaren, sondern durch die selbstorganisierte und selbstverantwortliche Methode des Lernens, die aus meiner Sicht für Erwachsene richtig und angemessen ist.

EK: Sie gehen davon aus, dass die künftigen Lehrer im schulischen Umfeld zu finden sind?

MH: Ich weiß, dass es im Umfeld jeder Waldorfschule Menschen gibt, die für den Waldorflehrer-Beruf geeignet sind und die nötigen Voraussetzungen dafür mitbringen. Sie kennen aber noch keinen Weg, wie sie zusätzlich zu ihrer Familie oder ihrer Arbeit wohnortnah eine Zusatzausbildung zum Waldorflehrer machen können. Sie benötigen eine leicht zugängliche Ausbildungsmöglichkeit.

EK: Es ist geplant, dass die Ausbildung berufsbegleitend über vier Jahre läuft. Das ist ein langer Zeitraum. Meinen Sie, dass die Leute durchhalten werden?

MH: Dazu gibt es viele Erfahrungen aus den berufsbegleitenden Seminaren, die belegen, dass ein großer Anteil diesen Weg durchhält. Ein Pilotprojekt, das bisher einzige selbstverwaltete berufsbegleitende Waldorflehrer-Seminar in Ravensburg, arbeitet erfolgreich seit über 20 Jahren. Hier hat sich gezeigt, dass die Selbstorganisation eine hohe Motivation und Verantwortung der Beteiligten bewirkt. Gerade wenn ich meinen Lernprozess selbst organisiere, merke ich, wie lange ich brauche, um mich wirklich in Waldorfpädagogik gründlich einzuarbeiten. Ich bin sehr zuversichtlich, dass viele diese vier Jahre durchhalten werden.

EK: Wie finanzieren Eltern diese Ausbildung?

MH: Die Finanzierung hat sich bisher bei keinem berufsbegleitenden Seminar als Problem erwiesen. In der Regel liegen die Kosten bei 120–150 Euro pro Monat.

EK: Die Seminare sollen die Infrastruktur der Waldorfschulen vor Ort nutzen. Meinen Sie, dass genügend Schulen bereit sind, hier zusätzliche Aufgaben zu übernehmen?

MH: Die Schulen leiden unter großer Lehrernot. Noch größer ist die Not an wirklich gut ausgebildeten Waldorflehrern. Deshalb meine ich, dass jede Schule froh sein sollte, wenn sie solch ein selbstverwaltetes berufsbegleitendes Waldorflehrer-Seminar in ihren Räumen arbeiten lassen darf. Denn damit wird der Nachwuchs an Waldorflehrern in der eigenen Schule ausgebildet.

EK: Wer betreut die Ausbildung hinsichtlich ihrer waldorfpädagogischen Qualität? Woher kommt das Lehrpersonal?

MH: Für die waldorfpädagogische Qualität muss der Seminarbegleiter Sorge tragen. Meiner Erfahrung nach haben die Teilnehmer solcher Kurse selbst ein Interesse daran, gut ausgebildet zu werden, damit sie im Beruf später gut bestehen können. Insofern sind sie in der Regel auch wählerisch in der Auswahl ihrer Referenten, um von und mit diesen wirklich gut lernen zu können. Die Referenten kommen aus umliegenden Waldorfschulen und auch aus den Waldorf- lehrer-Seminaren des Bundes der Freien Waldorfschulen.

EK: Und wer finanziert die Seminarbegleiter und Dozenten?

MH: Jedes dieser selbstverwalteten berufsbegleitenden Waldorflehrer-Seminare finanziert sich völlig selbst. Die Kursteilnehmer bilden selbst den Trägerverein und sorgen für die Finanzierung. Sie übernehmen die Verantwortung für alle mit dem Seminar zusammenhängenden Fragen. Jeder neue Seminarkurs macht das wieder so innerhalb des bestehenden Vereins.

EK: Wagen Sie eine Prognose: Wie viele Seminare dieser Art werden entstehen und wie viele Lehrer werden an ihnen ausgebildet?

MH: Ich hoffe, dass viele Waldorfschulen die große Chance erkennen. Viele scheuen den Aufwand, selbst ein berufsbegleitendes Seminar anzubieten. Mit diesem Ansatz bekommen sie aber die Möglichkeit, dies an der eigenen Schule zu haben, ohne es selbst tun und verantworten zu müssen. Ich würde mich freuen, wenn in den nächsten Jahren jährlich etwa zehn solcher Seminare entstehen könnten, die jeweils zwischen 10 und 20 Lehrer pro Kurs ausbilden. Das würde heißen, dass pro Jahr etwa 150 zusätzliche Waldorflehrer in solch eine Ausbildung gehen, die dann nach vier Jahren – also drei Jahren berufsbegleitendes Seminar und ein Jahr Ausbildung in der Praxis als Assistenzlehrer – gut ausgebildet in die Waldorfschulen kämen. Der Bund der Freien Waldorfschulen wird diese Initiative unterstützen, indem er eine Ausbildung für die Seminarbegleiter solcher selbstverwalteter berufsbegleitender Seminare anbietet, die sowohl die Gründung begleiten als auch dann in der Durchführung für die notwendige Kontinuität und Qualität sorgen.

Die Fragen stellte Mathias Maurer.


Bild von Nicholas Jackson auf Pixabay

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