Annäherungen an das Wesen einer Waldorfschule

In Anknüpfung an meinen Artikel „Führung und Selbstverwaltung – ein Widerspruch? “ in der Erziehungskunst 1+2/1994 will ich nach 16 Jahren die Fragen nach der Führung einer Waldorfschule erweitern. Was ich damals noch nicht so explizit benannt habe, ist die Frage nach dem „Wesen“ des sozialen Organismus, der geführt werden soll. Es wird in den Waldorfschulen manches Mal vom „Schulgeist“ gesprochen. Dieser wird bei verschiedenen Gelegenheiten „beschworen“. Was ist das? Was ist das „Wesen“ einer Waldorfschule? Was hat dieses Wesen mit der Führung zu tun?

Es geht mir jetzt nicht darum, hier irgendwelche Zitate zu bringen, die das beschreiben. Ich will vielmehr den Versuch machen, aus meinen Erfahrungen heraus in aller Kürze andeutungsweise einige Phänomene beschreibbar zu machen und diese in einen Interpretationszusammenhang zu stellen, die zu einer Annäherung an diese Dimension der Waldorfschule führen können. Damit will ich einen Weg andeuten, den jeder für sich gehen kann, um in diesem Bereich zu eigenen Erfahrungen zu kommen.

Wie in meinem zugrundeliegenden Artikel von 1994 gehe ich wieder vom mir als Menschen und meiner Selbstführung aus und werde versuchen, die dort gewonnen Erfahrungen auf den sozialen Organismus zu übertragen.

Ich selbst kann als Instanz meiner Selbstführung mein eigenes „Ich“ erleben. Bei genauerem Abspüren kann ich entdecken, dass mein Ich als „Seelenkern“ (vgl. Rudolf Steiner „Theosophie“) das Denken, Fühlen und Wollen steuern (führen) kann. Zur Ausbildung dieser Führungsfähigkeiten in Bezug auf mich selbst helfen die sog. Nebenübungen oder Grundübungen von Rudolf Steiner. Weiterhin dienen mir meine 12 Sinne, mich in Bezug auf mich selbst und die Welt wahrzunehmen und zu orientieren. Dazu habe ich Näheres in meinem o.g. Artikel schon 1994 ausgeführt.

Wenn ich mir die Frage nach meiner Individualität, nach meinem eigentlichen „Wesen“ stelle, kann ich erst einmal ins Dunkle tappen. Wenn ich meine Biografie betrachte, kann ich erste Hinweise auf das bekommen, was mich in meiner Eigenart ausmacht. Darüber hinaus kann ich aber auch noch eine weitere Instanz in mir erleben, die mit meinem Gewissen, meinen Motiven, meinen Lebensimpulsen… zu tun hat. Aus dieser Quelle bekomme ich die Kraft, die ich benötige, um mein Leben anzunehmen, mich in der in den o.g. Übungen angegebenen Weise selbst führen zu können, mit Schicksalsherausforderungen positiv umgehen zu können…

Rudolf Steiner nennt diese Instanz in mir das „höhere Ich“. Dieses höhere Ich ist mein geistiger Wesenskern, der durch die verschiedenen Inkarnationen erhalten bleibt und sich weiter entwickeln kann. In dem Übungsbuch „Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?“ beschreibt Rudolf Steiner den Weg, wie jeder Mensch diese Kraft in sich selbst finden kann. Damit kann ich meine Wesensglieder also meinen physischen Leib, meine Lebenskräfte, meine Empfindungskräfte und mein Ich aus einer höheren Instanz in mir heraus führen lernen. Diese innere Entwicklung ist für mich eine Voraussetzung für das Tätig-Sein im Sinne der Waldorfpädagogik.

Wenn ich diese Erfahrungen auf die Waldorfschule als sozialen Organismus anwenden will, kann ich mich fragen, welche Entsprechungen da zu finden sind.

Die äußere Hülle, also der Schulbau, das Gelände etc. bilden nur den äußeren Rahmen, sind aber nicht – wie fälschlicherweise vielfach angenommen – der „physische Leib“ der jeweiligen Waldorfschule. Der soziale Organismus „realisiert“ sich für mich – im Gegensatz zu dem einzelnen Menschen, der in seinem physischen Leib „inkarniert“ ist – nämlich nicht im physisch Materiellen, sondern auf der Ebene der Handlungen der in ihm tätigen Menschen. Der Auftrag der Schule erfüllt sich in erster Linie in der persönlichen Begegnung der Schülerinnen und Schüler und der Lehrerinnen und Lehrer, aber auch aller anderen direkt am täglichen Leben der Schule Beteiligten. Diese Begegnungen schaffen jeweils eine Resonanz zwischen den einzelnen Menschen. Ist diese Resonanz positiv, so kann Lernen stattfinden. Negative Resonanzen rufen eher Lernbarrieren, Blockaden hervor und behindern das Lernen aller Beteiligten.

Das soziale Wesen nehme ich also als ein „Begegnungswesen“ wahr. In der menschlichen Begegnung ist es tätig. Immer dann, wenn Begegnung stattfindet, vor, im, nach dem Unterricht, in den Pausen, in den Konferenzen etc. kann ich in der Begegnung der Menschen und vor allem in ihrer Beziehung zu den Kindern das Wesen dieser Waldorfschule anwesend und wirksam erleben. Wenn die Schule leer ist, weil alle nach Hause gegangen sind oder Ferien sind, erlebe ich das Schulwesen als nicht „inkarniert“, sondern wie wartend auf die Menschen.

Um die verschiedenen Dimensionen dieses Wesens genauer beschreiben zu können, stellt sich die Frage nach den Wesenselementen eines sozialen Organismus. Hier kann ich nur eine kurze, andeutungsweise Beschreibung davon versuchen, was ich an dem Organismus einer Waldorfschule wahrnehmen kann. Neben den konkreten Handlungen und den damit verbundenen Begegnungen der Menschen, in denen das Wesen Waldorfschule tätig erlebbar ist, kann ich als übergeordnete oder darüber gelagerte Wesenselemente erkennen:

  • die in dem sozialen Organismus veranlagten Prozesse, hier vorrangig der Stundenplan, die Pausen, die Rhythmen, die Spielregeln…,
  • die Arbeitsteilung zur Erfüllung der gemeinsamen Aufgabe, vor allem die individuelle Verantwortung für die einzelnen Aufgaben und Prozesse, die gegenseitige Abstimmung und Zusammenarbeit…,
  • die beteiligten Menschen, ihre Beziehungen und das zwischenmenschliche Klima, vor allem der Umgang mit und unter den Kindern, die Qualitäten der Begegnung, die Bemerkungen übereinander, der Umgangston…
  • die formgebenden Strukturen, wie durchschaubar ist die Organisation, gibt es klare Formen…
  • die zukunftsgerichteten Strategien, hier vor allem die Wahrnehmung der Lernbedürfnisse und Weiterentwicklung der Lernformen… und
  • als oberste Ebene die übergeordneten Ziele und die Mission des sozialen Organismus, also was sich diese Schule besonders vorgenommen hat als eigene Impulse.

Ich versuche zu erspüren, wie in den verschiedenen Dimensionen die besonderen Qualitäten der Waldorfschule z.B. der Respekt vor der menschlichen Individualität und ihrem jeweiligen persönlichen Schicksal, die Liebe zu dem werdenden Menschen, das Verständnis von Entwicklung, die gegenseitige Würdigung und Unterstützung… erlebbar werden.

Ich erfahre immer wieder die Richtigkeit und die Wirksamkeit des Christus-Wortes: „Wenn zwei oder drei beisammen sind in meinem Namen, so bin ich mitten unter ihnen.“ Damit kann ein innerer Raum geschaffen werden, in dem Liebekräfte wirken. Dadurch entsteht ein lichter, wärmender seelischer Bezug zwischen den Menschen.

Allerdings können in die Begegnungen der Menschen auch andere Wesen hereingerufen werden. Vielfach ist nicht bewusst, was damit geschieht, wenn man sich gegenseitig sein Leid klagt, über andere schimpft, sich mit Urteilen abgrenzen muss, Ärger entwickelt, Resignation, Neid, Sorge, Wut, Angst, Hass etc. miteinander austauscht. Auch hier werden bestimmte Wesen in die menschliche Begegnung hereingerufen bzw. hereingelassen, die darin ihre Wirksamkeit entfalten. So kann ich in den Begegnungen der Menschen einer Waldorfschule auch die „Schattenwesen“, die „Doppelgänger“ der einzelnen Menschen, aber auch des sozialen Organismus erleben. Abfällige Urteile, schlechte Gewohnheiten, chaotische Prozesse, unklare Aufgabenverteilungen, negative Stimmungen, Lähmungen, Kraftlosigkeit, Überarbeitung, destruktive Kräfte… werden als in der Organisation wirkende Kräfte der empfindend wahrnehmenden Seele ebenfalls direkt erlebbar, erfahrbar.

Da ich inzwischen mit über 80 Waldorfschulen in Deutschland und in anderen Ländern (zum Teil über viele Jahre) intensiver gearbeitet habe und weit über 100 Waldorfschulen bei Besuchen, Tagungen o.ä. kennengelernt habe, konnte ich eine weitere Erfahrung machen. Jedes Mal, wenn ich in eine Waldorfschule komme, fühle ich mich in gewisser Weise „wie zu Hause“. Alle Waldorfschulen haben etwas gemeinsam, das sie weltweit verbindet und das in ihnen wirksam ist – einmal mehr – einmal weniger, aber doch deutlich erlebbar. Das hat für mich nicht in erster Linie mit den äußeren Formen und Farben zu tun, die natürlich auch ihre Wirkung haben. Es umfängt jede Waldorfschule und jeden Waldorfkindergarten eine Atmosphäre, die durch die Waldorfpädagogik als geistigen Impuls geprägt wird. Dieser Impuls, der sich u.a. in dem Respekt vor der menschlichen Individualität und ihrem jeweiligen persönlichen Schicksal, in der Liebe zu dem werdenden Menschen und in dem möglichst umfassenden Verständnis von Entwicklung ausdrückt, verbindet alle Waldorfschulen und Waldorfkindergärten weltweit über die Grenzen und Kontinente hinweg.

Was bedeutet das hier Gesagte nun für die Führung des sozialen Organismus Waldorfschule? Wie führt die Waldorfschule sich selbst?

Wie schon 1994 dargestellt, kann das nur durch Menschen geschehen, die zur Selbstführung fähig sind. Welche weiteren Anforderungen werden an solche Menschen gestellt? Sie sollten die Wahrnehmung für die oben beschriebenen Dimensionen des Wesens der Schule entwickelt haben und bewusst damit umgehen können. Sie sollten übend versuchen, die geistigen Wesen, die mit der Waldorfschule verbunden sind, in die tägliche Arbeit miteinzubeziehen. Sie sollten bei allem, was sie tun und veranlassen, die Wirkungen auf die Kinder und Jugendlichen, also den werdenden Menschen bedenken. Sie sollten als Verantwortliche für die Führung der Schule gemeinsam an diesen Qualitäten arbeiten. Sie sollten selbstlos dienend den Schulorganismus führen, da alle Egoismen vor allem in dieser Aufgabe für das Ganze schädigend wirken.

Sie sollten sich fragen, wie das positive Wesen der Schule gepflegt, ernährt werden kann? Dazu müssen die daran arbeitenden Menschen ein gemeinsames Bewusstsein für dieses Wesen entwickeln. Das bedeutet, dass sie wach werden müssen für die Erscheinungsformen des sozialen Organismus, wach werden insbesondere für die Qualität der menschlichen Begegnungen. Das Bewusstsein für die Mission, die übergeordneten Ziele der Waldorfschule und der Waldorfpädagogik muss so gepflegt werden, dass diese Qualitäten bis in die einzelnen Handlungen hinein wirksam werden. Vor allem die in der Schule angelegten Gewohnheiten und Rituale – dazu gehören bewusst positiv gegriffene wie auch unbewusst gehandhabte – bedürfen einer inneren Durchdringung, Klärung und Gestaltung.

Dazu gehört auch, sich der gemeinsamen Aufgaben über die eigene Waldorfschule hinaus bewusst zu werden sowie den Austausch und die gegenseitige Hilfe mit anderen Waldorfschulen zu pflegen. Aber nicht nur den Austausch mit anderen Waldorfschulen, sondern mit allen Menschen und Initiativen, die am Schutz der Kindheit und an der Entwicklung einer menschengemäßen Erziehung arbeiten.

Michael Harslem


Bild von Arek Socha auf Pixabay

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