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Selbstverwaltung? Selbstorganisation! Teil 7

Teil 7 von 8

Bild von Steve Bidmead auf Pixabay

zu Selbstverwaltung? Selbstorganisation! Teil 6

Der besseren Lesbarkeit halber wird an bestimmten Stellen das generische Maskulin verwendet, es sind damit jedoch immer alle Geschlechter gleichermaßen gemeint.

Es ist faszinierend! Seit etwa der letzten Jahrtausendwende gibt es deutlich verstärkt eine neue weltweite Bewegung zur Selbstorganisation in Firmen, verschiedenen Organisationen, Schulen etc. Das hat sich schon länger angekündigt. Auch die Freien Waldorfschulen haben schon seit 1919 Formen der kollegialen Führung versucht. Was haben diese Ansätze miteinander zu tun?

Was die Waldorfschulen (eigentlich alle Schulen!) so besonders macht!

Die Besonderheit der Freien Waldorfschule (wie eigentlich jeder Schule) liegt nun darin, dass der Bereich der Wertschöpfung ganz anders aussieht als in einer produzierenden oder dienstleistenden Organisation! Aus meiner Sicht ist das eher mit einer therapeutischen oder medizinischen Organisation vergleichbar, wenn man davon ausgeht, dass auch der Patient nicht Objekt ist, sondern ein Subjekt, eine Individualität, die sich letztlich nur selbst heilen kann., wenn ein anderer Mensch dazu seinen Beitrag leistet. In der Waldorfschule fallen nun „Produktion“ und „Kunden“ zusammen: beides ist vereinigt in den Schülern! Die Lehrer schaffen das Feld für die Wertschöpfung, die in der Beziehung zwischen den Lehrern und den Schülern entsteht. Es braucht auch keinen Händler zur Vermittlung! So haben wir als Waldorfschule bezüglich der Selbstorganisation des sozialen Organismus aus meiner Sicht eine weitere Dimension dazu zu nehmen: die Schüler! Das hat weitreichende Folgen für das Verständnis von Lernen und die Schüler-Lehrer-Beziehung sowie das Rollenverständnis von Lehrern und Schülern.

Wenn wir also als Schule mit den Lehrern/Erziehern und den Schülern im Unterricht und in allen schülerbezogenen Angeboten den zentralen Bereich unserer „Wertschöpfung“ haben, muss also hier konsequenterweise das Prinzip der Selbstorganisation auch auf alle Beteiligten angewendet werden. Die Schüler sollen einerseits das Vorbild sich selbst organisierender Lehrer und eines sich selbst organisierenden Kollegiums und umfassend einer sich selbst organisierenden Schule haben, andererseits sollen sie selbst nicht zum Objekt des Unterrichts gemacht werden, sondern als Subjekte, als Individualitäten auch selber selbstorganisiert arbeiten und lernen dürfen und können! Das heißt, das Prinzip der Selbstorganisation konsequent auch auf die Schüler anwenden! Damit wird Selbstorganisation im Arbeiten und Lernen von Anfang an in allen Altersstufen altersgemäß angelegt und gelernt. So kann die Freie Waldorfschule in allen Bereichen zur „Schule der Selbstorganisation“ werden!

Beispielhaft dargestellt die selbstorganisierten Einheiten einer zweizügigen Freien Waldorfschule:

Legende: LT=LehrerInnen-Team, ET= ErzieherInnen-Team, T=Team, 1A,1B…=Klassen, KG= Kindergartengruppe, Krippengruppe, GTS=Ganztagesschule, OGS=offene GTS, ZI=Zirkus, TH=Therapien, MU=Musikschule

Das ist entsprechend natürlich auch auf eine einzügige Schule anzuwenden und dort wegen der geringeren Komplexität einfacher zu überschauen und zu handhaben.

Was bedeutet das im Einzelnen?

Wenn wir die typische Freie Waldorfschule unter dem Blickwinkel und mit den Kriterien eines kollegial geführten Unternehmens anschauen, so können wir – wie schon gesagt – feststellen, dass das Prinzip der Selbstverantwortung in einem Bereich seit jeher konsequent angewendet wird: im Unterricht! Jeder Lehrer/Erzieher verantwortet seinen Unterricht bzw. seine pädagogische Tätigkeit selbst und entscheidet selbst, was, wie und wann er mit den Kindern bzw. Schülern bearbeitet (bis auf die von den zentralen Prüfungen geprägten Klassen, in denen die Vorgaben von außen gegeben werden). Hier kann man fragen, inwieweit der einzelne Lehrer sich von den Betroffenen „beraten“ lässt und Experten anhört, bevor er entscheidet. Eigentlich ist das auch schon angelegt, denn die Waldorflehrer sollen laut Rudolf Steiner von den Schülern, die ja die vom Unterricht Betroffenen sind, ablesen, was diese jetzt zu ihrer Entwicklung brauchen – also eine indirekte Form der Beratung. Wer sind dann die Experten, die angehört werden sollen? Die Kollegen? Die Eltern als Experten für ihr Kind? Oder die Kinder/Jugendlichen selbst, die heute immer klarer formulieren können, was für sie richtig ist?

Der Wertschöpfungsprozess der Waldorfschule findet also mit und im einzelnen selbstorganisierten Schüler im Verbund mit den anderen selbstorganisierten Schülern in der Beziehung zu den selbstorganisierten Lehrern statt. Insofern müssten die Lehrer einer Klasse/ Klassenstufe oder mehrerer Klassen eigentlich ständig in einem selbstorganisierten Team zusammenarbeiten, um die Schüler möglichst optimal zu versorgen. In der Regel aber fehlt in diesem Wertschöpfungsbereich der Waldorfschule die Zusammenarbeit der einzelnen Lehrer in selbstorganisierten Einheiten in Bezug auf die Klassen und Schüler, also eine echte Teambildung, um im Lehrer-Team selbstorganisiert zu arbeiten. Eine schon bestehende Form davon sind zum Beispiel die Klassenkonferenzen, die jedoch nur selten, häufig nur ein oder zweimal pro Jahr einberufen werden.

Eigentlich sollte aber hier im Interesse der Kinder/Schüler eine ständige, d.h. wöchentliche Zusammenarbeit eines klassenbezogenen oder klassenstufenbezogenen selbstorganisierten Kreises/Teams autonomer Lehrer, Horterzieher bzw. Erzieher stattfinden. Bei ca. 100 Lehrern und 13 Klassen wären das im Schnitt Teams von 7-8 Lehrern. Entsprechendes gilt für eine einzügige Schule.

Eine andere, schon bestehende Form der Beratung ist die sog. Kinderbesprechung, in der die beteiligten Lehrer und die Eltern(!) sich gemeinsam um ein Bild des jeweiligen Kindes/Jugendlichen bemühen, um ein vertieftes (assoziatives) Verständnis für die jeweilige Individualität zu entwickeln.

Eine weitere Ebene der Zusammenarbeit der Lehrer, die in etwa den Geschäftsbereichen eines kollegial geführten Unternehmens entspricht, ist die der Fachbereiche, in denen eine schulübergreifende Abstimmung der einzelnen Fächer stattfindet. Hier könnten in den Waldorfschulen klar festgelegte Spielregeln für die Entscheidungsfindung sowie klar definierte Rollen und Kompetenzbereiche innerhalb und zwischen den Fachbereichen und zu den anderen Bereichen entwickelt werden.

Zu der Ebene der Dienstleistungskreise gehören die übergreifenden Dienstleistungen wie Personal, Schulleitung, Verwaltung, Finanzen, Recht, Forschung, Öffentlichkeitsarbeit, Vertretung nach außen u.ä. Das Delegationsprinzip bzw. Mandatsprinzip oder das Eignerprinzip sind Ansätze dazu, die aber daran kranken, dass immer die Lehrer diese Delegationen ausfüllen sollen und diese in der Regel dafür nicht ausreichend ausgebildet bzw. geeignet sind. Es gibt zwar in der Regel Aufgabenbeschreibungen und Handlungsleitlinien, die aber oft nur auf dem Papier stehen, weil das Leben anderes von den Lehrern fordert. Die Spielregeln dagegen sind häufig nur informell vorhanden.

In den Waldorfschulen hat sich seit langem die Meinung verbreitet, dass alle diese Dienstleistungen eigentlich von Lehrern möglichst zusätzlich zu einem vollen Deputat oder mit geringer Entlastung geleistet werden müssen, auch wenn diese Lehrer dafür nicht qualifiziert und ausgebildet sind. In Bezug auf die bisher so bezeichnete Selbstverwaltung, die eigentlich auch einen großen Teil der internen Dienstleistungen umfasst, wurde die Selbstorganisation bisher aber nur sehr bedingt und oftmals nur halbherzig angewandt. Hier könnte die Professionalisierung zu einer deutlichen Entlastung der Lehrer/Erzieherinnen führen und ihnen mehr Möglichkeiten der Konzentration auf ihr Kerngeschäft Pädagogik geben.

Auch für die Zusammenarbeit zwischen den Dienstleistungskreisen untereinander sowie zwischen den Dienstleistungskreisen und den Wertschöpfungskreisen und auch für die Zusammenarbeit mit dem sogenannten Top-Kreis finden wir bisher in den Waldorfschulen meist keine klaren Spielregeln und keine klar definierten Formen. Als ein ganz wesentlicher Unterschied der Freien Waldorfschulen zu den selbstorganisierten kollegial geführten Unternehmen ist zu sehen, dass diese für alle Dienstleistungen auf (gut) ausgebildete Fachkräfte zurückgreifen, um diese Aufgaben möglichst kompetent und effektiv erledigen zu lassen.

Inzwischen umfasst jedoch eine Freie Waldorfschule in der Regel nicht mehr nur den Schulbetrieb sowie Kindergarten, Kinderkrippe, Hort, Ganztagesbetreuung, Therapien, Zirkus, Musikschule, Werkstätten als pädagogische Geschäftsbereiche, sondern auch weitere dienstleistende Geschäftsbereiche wie Küche, Mensa, Hausmeisterei, Putzen, Gebäudeverwaltung, Bibliothek, Mediathek, gegebenenfalls auch Bücherstube, Naturkostladen o.ä. Meiner Erfahrung nach sind diese weiteren Bereiche meistens nicht nach den Prinzipien der Selbstorganisation und kollegialen Führung organisiert, was für mich einen inneren Widerspruch zum Prinzip der Selbstorganisation des sozialen Organismus darstellt.

Weitere interne Dienstleistungen, die vor allem auf die Lehrer bezogen sind, sind der Stundenplan, die Vertretungen, die Aufsichten, die Schüleraufnahmen, sowie die vielen Ämter, in denen viele der laufend anfallenden Arbeiten erledigt werden sollen. Bei konsequenter Selbstorganisation können z.B. die zentrale Vertretungsorganisation und der zentrale Stundenplan weitgehend überflüssig werden, weil die selbstorganisierten Teams das dezentral unter sich regeln können. Ich habe z.B. in einer Waldorfschule, die alle Unterrichte in Epochen organisiert hatte, erlebt, dass alle 4 Wochen ein auf die Schüler bezogener Epochenplan gemeinsam ausgewertet und für die nächste Epoche gemeinsam neu entwickelt wurde.

Besonders zu hinterfragen ist die Rolle der verschiedenen Arbeitskreise für die unterschiedlichsten Aufgaben, in denen viele gutwillige Eltern und Lehrer mit oft großem Einsatz, aber häufig mit wenig Effizienz und teils mit geringem Erfolg zusammenarbeiten. So wertvoll die Begegnung von Eltern und Lehrern sowie Eltern und Eltern an gemeinsamen Aufgaben sein kann, so muss im Sinne einer Wertschätzung des Einsatzes sehr sorgfältig mit diesen Ressourcen umgegangen werden, die alle diese Menschen zusätzlich zu ihren ohnehin vollen Arbeitstagen und Terminkalendern für die Schule zu leisten bereit sind. Dieses Thema erfordert eine gründliche, ideologiefreie Betrachtung der möglichen Rollen der Eltern in einer selbstorganisierten Waldorfschule.

Das nächste Bild stellt exemplarisch mögliche Dienstleistungskreise einer Waldorfschule dar:

Legende: Päd Ltg= Pädagogische Leitung, ÖA= Öffentlichkeitsarbeit, Pers= Personal, GF= Geschäftsführung, Verw= Verwaltung, Bibl= Bibliothek, Media= Mediathek

Bisher ist auch die Zusammenarbeit zwischen allen diesen Bereichen in den Freien Waldorfschulen in der Regel nicht horizontal organisiert, sondern vertikal über die Geschäftsführung bzw. den geschäftsführenden Vorstand. Hier liegt aus meiner Sicht noch ein großes Entwicklungsfeld für die Freie Waldorfschule als selbstorganisierter, kollegial geführter Gesamtorganismus.

Meiner Erfahrung nach ergeben sich viele Spannungen und Problemfelder einer Freien Waldorfschule aus den ungenügend geregelten Verhältnissen zwischen diesen verschiedenen sonstigen Geschäftskreisen und den Geschäftskreisen der Lehrer, die sich in der Regel für alles zuständig fühlen und deshalb einerseits horizontal organisieren wollen, es aber andererseits mangels Selbstorganisation aus verschiedenen Gründen gar nicht können und oft zu vertikalem (autoritärem oder autoritativem) Entscheidungsverhalten neigen.

Eine zentrale Funktion der gegenseitigen Wahrnehmung und Abstimmung haben in der Selbstorganisation deshalb die Koordinationskreise, die in der Freien Waldorfschule meistens als Konferenzen gehandhabt werden oder als Gremien wie ehrenamtlicher Vorstand/Aufsichtsrat, Elternvertretung, Schülervertretung, Finanzkreis, Wirtschaftskreis, etc.

In diesen Gremein findet eine bereichsübergreifende bzw. schulübergreifende gegenseitige Abstimmung und Koordination statt, die für die Zusammenarbeit unerlässlich ist. Hier sind jedoch die obern erwähnten besonderen Spielregeln und Entscheidungsmechanismen nötig, um effizient und zielführend zusammenarbeiten zu können. Sie sind für den Informationsaustausch, die gegenseitige Wahrnehmung und Beratung, die Willensbildung und die übergeordnete Entscheidungsfindung zuständig.

Diese Koordinationskreise können für eine Waldorfschule typischerweise so aussehen:

Legende: AR= Aufsichtsrat, EV= Elternvertretung, SV= Schülervertretung, OS= Oberstufenkonferenz, MS= Mittelstufenkonferenz, US= Unterstufenkonferenz, SE= Schulentwicklung, GTS= Ganztagesbereich-Konferenz, KiTa= Kindergarten + Kinderkrippen-Konferenz, Koord= Gesamtkonferenz aller Bereiche zur Koordination

Die Führungsgruppe

Führung ist ein in Waldorfschulen häufig umstrittenes und angstbesetztes Thema. Alle wollen überall mitreden und mitbestimmen können – Lehrer wie Eltern und in zunehmendem Maße auch die Schüler der neuen Generation. Besonders aber Waldorflehrer wollen selbstbestimmt arbeiten und alle Bereiche der Schule erfassen – und haben Sorge vor Fremdbestimmung und Einmischung in ihre Angelegenheiten.

So finden sich häufig noch größere Führungsgremien mit wenig effizienten Arbeitsformen und z.T. wenig funktionalen Entscheidungsverfahren. In den letzten Jahren werden diese zunehmend durch kleinere Führungszirkel ergänzt oder ersetzt. Im Sinne der Selbstorganisation sind diese jedoch eher den Dienstleistungseinheiten zuzurechnen. Diese stehen immer in der Gefahr, durch Arbeitsüberlastung ineffektiv zu werden, da diese Aufgaben meist mit wenigen Zeitentlastungen auf eine fast volle Lehrerstelle aufgesattelt werden. Die Arbeitsüberlastung führt häufig dazu, dass sie den Kontakt zu ihrer Basis, dem Kollegium und der Elternschaft verlieren. Deshalb sollte die Frage der Führung in der Waldorfschule ebenfalls grundsätzlich neu gedacht werden.

Auch dazu werden in den Waldorfschulen schon verschiedene Ansätze praktiziert wie die dialogische Führung, dienende Führung, horizontale Führung u.ä., die aber bisher noch alle auf den bisherigen Organisationsmodellen der Waldorfschulen aufbauen und noch nicht den grundlegend neuen Ansatz der Führung von den Wertschöpfungseinheiten aus berücksichtigen. Aus diesem Grund tendieren sie immer wieder zu zentralistischen sowie autoritativen Führungsformen, die eigentlich der Selbstbestimmung und der Selbstorganisation wiedersprechen. Viele der – vor allem kalten – Konflikte in den Waldorschulen sind aus meiner Sicht darauf zurückzuführen.

Der sogenannte Führungskreis/Koordinationskreis/Topkreis könnte in der Selbstorganisation einer Waldorfschule ein geschäftsführender Vorstand sein, der sich nicht als Vorgesetzter, sondern seine Tätigkeiten als übergreifende Dienstleistung für alle anderen Kreise und als Organ für das Gesamtbewusstsein versteht.

hauptamtlicher Vorstand als Unternehmergruppe

Der geschäftsführende Vorstand könnte aus 3 Personen bestehen, die die 3 Bereiche Personal, Pädagogik, Recht und Finanzen unterschriftsberechtigt nach außen vertreten und im Sinne einer Unterstützung aller Bereiche für das Gesamtbewusstsein, die Werteorientierung, die Strategieentwicklung des sozialen Organismus verantwortlich sind. Hier ist die Orientierung an den Bedürfnissen der Wertschöpfung besonders wichtig! Also keine Weisungshierarchie, sondern das Wohl und die Bedürfnisse der Schüler immer im Mittelpunkt sehen.

Ein grundlegend anderes Führungsverständnis

Ausschlaggebend für das Funktionieren der Selbstorganisation ist das grundlegend andere Führungsverständnis in selbstorganisierten Betrieben/ sozialen Organismen. Die Führung geht von der Wertschöpfung aus! Sie ist der bestimmende Bereich für die Notwendigkeiten, die hier entstehen, um die Kunden optimal zu versorgen, zu bedienen. Für die Waldorfschule heißt das, dass die selbstorganisierten Wertschöpfungseinheiten von Lehrerteams und Schülern sowohl den Unterricht als auch den Bedarf bestimmen, den sie von den zentralen Dienstleitungen befriedigt haben sollten – und nicht umgekehrt! Also als Beispiel: nicht der Stundenplan bestimmt, wann was wo unterrichtet wird, sondern die Lehrerteams in Abstimmung miteinander und mit den Schülern (z.B. durch freie Wahl der Schüler für bestimmte Kurse, was die Schüler in Abstimmung mit den Lehrern selbst organisieren können).

Der geschäftsführende Vorstand als zentrale Einheit, die das Gesamtbewusstsein für den ganzen Organismus bereitstellt und weiterentwickelt, bestimmt nicht, sondern dient allen anderen Einheiten, sowohl den Wertschöpfungseinheiten als auch den zentralen Dienstleistungseinheiten als auch den Koordinationsgremien. Er hat also eine übergreifende dienende Aufgabe für allen anderen selbstorganisierten Einheiten des sozialen Organismus. Er sorgt dafür, dass die Abläufe/Prozesse sowohl in der Wertschöpfung als auch in den Dienstleitungseinheiten als auch in der koordinierenden Gremien entsprechend den gemeinsamen Zielen und Werten gestaltet werden und diese Ziele und Werte entsprechend dem sich verändernden Leben des sozialen Organismus weiterentwickelt werden, während die Steuerung/Führung von den Wertschöpfungseinheiten und dort von den Bedürfnissen für eine optimale Bildung der Schüler ausgeht.

Daraus ergibt sich folgendes Bild:

Setzen wir das alles nun zusammen, so ergibt sich daraus folgendes mögliches exemplarisches Gesamtbild einer selbstorganisierten zweizügigen Freien Waldorfschule als kollegial geführter sozialer Organismus:

Erfahrungen

In der Regel funktioniert die Selbstorganisation als Waldorfschule in der Gründungsphase bzw. Pionierphase noch recht gut, etwa bis die kritische Größe von ca. 10-12 Mitgliedern des Gründungskreises bzw. des Kollegiums überschritten wird. Ab dann wird die Selbstorganisation zunehmend schwieriger. Aus der Erfahrung der kollegial geführten Unternehmen wissen wir inzwischen, dass nur selbstorganisierte Einheiten bis zu einer Größe von maximal 10-12 Mitgliedern sich selbst organisieren können, darüber hinaus geht das nicht mehr! Weiterhin hat die Erfahrung gezeigt, dass ab einer Größe von ca. 30 Mitgliedern auch übergeordnete Gremien nicht mehr richtig arbeitsfähig sind und sich zunehmend in der Arbeit selbst lähmen. Diese Erfahrung können sehr viele Waldorfschulen bestätigen. Vielleicht hilft uns das, diese ernst zu nehmen und neue Formen anzulegen.

Weitere wesentliche Unterschiede der Waldorfschulen zu den neuen selbstorganisierten Unternehmen liegen deshalb auch

  • in den Größen der Einheiten,
  • in den fehlenden Rollenklärungen,
  • in den weitgehend fehlenden expliziten, verbindlich vereinbarten Spielregeln, die auch eingehalten werden müssen, und
  • in den unzulänglichen, weil der Selbstorganisation nicht wirklich angemessenen Entscheidungsverfahren.

Der Blickwechsel von der Selbstverwaltung zur Selbstorganisation einer Waldorfschule gibt uns deshalb die Möglichkeit, die vielfältigen Erfahrungen der selbstorganisierten kollegial geführten Unternehmen in aller Welt auf den sozialen Organismus einer Waldorfschule zu beziehen und die dort entwickelten Prinzipien, Methoden und Instrumente auch hier in einer der Waldorfschule entsprechenden Weise anzuwenden. Aus meiner Sicht kann dies nach 100 Jahren ein deutlicher Schritt der Erneuerung der Strukturen und der Funktionsprinzipien sein, der wieder an die ursprünglichen Intentionen Rudolf Steiners mit der Waldorfschule anschließt. Ein neues Verständnis von Selbstorganisation, das das bisherige Bild der Selbstverwaltung ersetzt und erweitert, kann in einem schrittweisen Lernprozess auf allen Ebenen zu einer Konzentration auf die „Wertschöpfung“, also auf den von Lehrern und Schülern selbstorganisierten Unterricht, führen und eine Professionalisierung der selbstorganisierten Dienstleistungen sowie eine klare unterstützende Führung durch einen kleinen Koordinationskreis/ geschäftsführenden Vorstand ermöglichen.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass

  • die Selbstorganisation der einzelnen Lehrer in Bezug auf die einzelnen Unterrichte in der Waldorfschule sehr gut ausgeprägt ist, aber noch nicht wirklich in schülerbezogenen Teams gearbeitet wird,
  • die Selbstorganisation sowie die Teamarbeit für das Arbeiten und Lernen der Schüler wenig ausgeprägt ist und deshalb noch sehr stark ausbaut werden könnte,
  • die kollegiale Selbstorganisation als Schule mit ihren vielen „Abteilungen“ weitgehend ohne die – für eine Selbstorganisation notwendigen und passenden – Spielregeln gestaltet wird, die inzwischen in den unterschiedlichen kollegial geführten Unternehmen erfolgreich praktiziert werden.

Insofern können die Waldorfschulen davon viel für ihre Selbstorganisation lernen.

Ich wünsche mir, dass das hier dargestellte Prinzip der umfassenden Selbstorganisation mit Ausrichtung auf die Entwicklung des werdenden Menschen zu einem starken Entwicklungsimpuls für die Gemeinschaften der Freien Waldorfschulen werden kann.

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